Wiesbadener Hospiztag 2019

Am 16. März fand zum 23. Mal der Hospiztag statt. Eine schöne Tradition der stetig wachsenden Palliativgemeinde in Wiesbaden und eine gelungene Veranstaltung für alle Engagierten und an diesem Thema Interessierten.

Auf diesen Tag hatten die Organisatoren wochenlang hingearbeitet: Mitarbeiterinnen des Caritasverbands Wiesbaden-Rheingau-Taunus e.V., des Evangelischen Vereins für Innere Mission (EVIM), von Hospizium, Träger des Hospizes Advena und des Hospizvereins Wiesbaden AUXILIUM e.V. Wie all die Jahre zuvor stand auch dieser 23. Hospiztag unter einem besonderen Motto: „Kultursensible Begleitung am Lebensende“, ein spannendes und wichtiges Thema in unserer multikulturellen Welt.

Karl-Georg Mages, Vorsitzender des Hospizvereins Wiesbaden AUXILIUM e.V., hielt die Begrüßungsrede. Dr. Martin Nörber, Referatsleiter für Bürgerschaftliches Engagement im Ministerium für Soziales und Integration und Dr. Oliver Franz, Bürgermeister der Stadt Wiesbaden, übermittelten Grußworte. Alle Ehrenamtlichen und beruflich Engagierten erhielten dabei viel Lob und Anerkennung für die geleistete Arbeit.

Interkulturelle Pflege – irgendwie?

Die Hauptrednerin Elke Urban, Palliativ-Fachkrankenschwester und Autorin des Buches „Transkulturelle Pflege am Lebensende“, ging in ihrem Fachbeitrag auf denUmgang mit Sterbenden und Verstorbenen unterschiedlicher Religionen und Kulturen ein. Natürlich, sagte sie, könne man interkulturelle Pflege „irgendwie“ gestalten und dabei in Kauf nehmen, in kleinere oder größere Fettnäpfchen zu treten. Sie habe das in ihrer langjährigen Arbeit oft selbst erlebt. Doch kulturelle und religiöse Besonderheiten von Menschen zu kennen, sei der bessere Weg. Denn das erst heiße, ihnen mit Respekt und Wertschätzung gegenüberzutreten. Und das, so Urban weiter, sei im besonderen Maße am Lebensende von Bedeutung. Denn dann würden sich viele Menschen auf ihre religiösen Wurzeln zurückbesinnen, bekämen religiöse und spirituelle Überzeugungen einen besonderen Wert.

Und es stimmt: In vielen Religionen gibt es Besonderheiten in der Pflege, in der Verabreichung von Medikamenten und in der Kommunikation zwischen Arzt und Patient, dievon immenser Bedeutung sind. Unkenntnis kann hier zu Störung des Vertrauensverhältnisses, schlimmstenfalls sogar zu Behandlungsfehlern führen.

Besonderheiten berücksichtigen

Einige Beispiele: Medikamente, die Alkohol enthalten, sind für gläubige Muslime ein Problem. Die Einnahme von Medikamenten während des Ramadan kann als Essen gewertet werden Und das vollständige Entkleiden eines Patienten wird in vielen Kulturkreisenals entwürdigend empfunden.

Auch können rund die Hälfte der Patienten aus dem asiatischen Kulturkreis wegen eines fehlenden Enzyms Alkohol in der Leber nicht abbauen. Hindus, die mehrheitlich vegetarisch leben, akzeptieren unter Umständen keine Medikamente mit tierischen Inhaltsstoffen. Buddhistische Patienten lehnen oft wahrnehmungshemmende Medikamente ab. Chinesische dagegen lehnen gemäß ihrer Tradition Schmerzmittel zunächst ab, bevor sie diese akzeptieren.

All diese Besonderheiten zu berücksichtigen, wird in der Pflege und im Krankenhausalltag häufig als störend empfunden, berichtet Elke Urban. Es störe die Alltagroutine und koste Zeit, die viele Pflegekräfte nicht hätten. Noch schlimmer: Aus Angst, etwas Falsches zu tun, werde es irgendwie getan. Unkenntnis fördere jedoch Intoleranz und Ausgrenzung, so Urban. Der beste Schutz dagegen sei, miteinander zu reden, Mensch zu sein und Mitgefühlzu zeigen. Auch Interesse an der kulturellen Identität anderer zu zeigenund dem zu Pflegenden damit seine Wertschätzung entgegenzubringen, ohne nach Perfektion zu streben, könne kulturellen Missverständnissen vorbeugen.

Wer mehr über das Thema erfahren möchte, dem sei das Buch „Transkulturelle Pflege am Lebensende“ von Frau Urban sehr empfohlen.

Nach kurzer Pause mit Kaffee, Kuchen und angeregten Gesprächen folgte eine Podiumsdiskussion. Geladen waren sechs Vertreterinnen und Vertreter aller großen religiösen Gemeinschaften des Rhein-Main-Gebietes und Frau Urban für die Pflegekräfte. Sie hatten die Gelegenheit, über religiös und kulturell bedingte Anliegen zu sprechen. Souverän moderierte Stefan Schröder, Chefredakteur des Wiesbadener Kuriers, dem es gut gelang, dem Thema die Schwere zu nehmen.

Hier die zentralen Botschaften der Teilnehmer (von links):

Erhard Weiher, katholischer Krankenhausseelsorger in Mainz:
Es ist wichtig zu sehen was der Mensch am Lebensende in sich trägt, mit welchem spirituellen Reichtum seine Seeleausgestattet ist.“

Susanne Fichtl, evangelische Krankenhausseelsorgerin in Wiesbaden:
„Zeit haben, zuhören können. In der Seelsorge hat man diese Freiheit. Das ist ein großer Vorteil.“

Leila Haas, Abschiedsrednerin und Trauerbegleiterin für konfessionslose Menschen:
„Menschen, die nicht glauben, sind oft sehr spirituell ausgerichtet. Ich biete deshalb für Trauerfeiern alternative Rituale an, die sehr individuell auf den Verstorbenen und dessen Hinterbliebene abgestimmt sind.“

Imran Karkin, muslimische Pflegewissenschaftlerin aus Aschaffenburg:
„Seelsorge und Hospize gibt es in der Türkei nicht. Die Betreuung von Kranken und Sterbenden innerhalb der Familie ist für Muslime verpflichtend. Für Menschen ohne familiäre Bindung gibt es sogar WhatsApp-Gruppen, in denen Betreuungsbedarf angemeldet werden kann.“

Sara Majerczik, Sozialarbeiterin im Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt: „Durch den Zuzug russischer Juden nach Deutschland haben sich traditionelle Rituale geändert. So wird die jüdische Tradition, sterbende Menschen in den letzten Minuten allein zu lassen, durch die neuen Mitglieder der Gemeinden nicht mehr gelebt.“

Dorothea Mihm, Mitglied der buddhistischen Praxis Adarsha Frankfurt:
„Für Buddhisten soll der Geist friedvoll sterben, deshalb wird das Sedieren abgelehnt.“

Frau Mihm sieht in der Naturheilkunde gute Möglichkeiten, Symptome zu bekämpfen.

Elke Urban
„Miteinander reden, ein Lächeln, kleine Gesten der kulturellen Wertschätzung sind die Garanten des guten Miteinander.“

Stefan Schröder, Chefredakteur des Wiesbadener Kurier

Ilse Groth-Geier führte wie gewohnt souverän durch die Veranstaltung, die durch Darbietungenvon Lehrkräftender Musikschule Niedernhausen abgerundet wurde. Zunächst spielten Lilian Jacob (Geige) und Viorel Catuna (Cello). Das ungewöhnliche, aber passende Duo aus Geige (Lilian Iacob) und Akkordeon (Ursula Herrmann) rundete mit einem schwungvollen Csárdás den Hospiztag ab, so dass alle Teilnehmertrotz des schwierigen Themas das Roncallihaus beschwingt verließen.

(Gudrun Pfundt)

Kurzes Video vom Hospiztag 2019